Bei der Verteidigung der europäischen Grenzen im asiatischen Bergland kam es zu folgendem Zwischenfall: Taliban (bleiben wir bei der amtlichen Version) klauen zwei Tankzüge und bleiben damit stecken. "Aufständische oder Zivilisten" eilen herbei, um Benzin abzuzapfen. Die deutsche Bundewehr fordert Luftunterstützung an, die auch prompt erfolgt. Das Resultat: Dutzende Tote und Verletzte. Nachdem dies selbst für afghanische Verhältnisse eine ungewöhnliche Aktion darstellt, ergeben sich Fragen, die höchst souverän beantwortet werden:
Verteidigungsstaatssekretär Thomas Kossendey erklärte, mit dem Luftangriff habe ein Anschlag auf die deutsche Truppe verhindert werden sollen. „Wir gehen davon aus, dass die entführten zivilen Tanklaster in Richtung des Bundeswehrlagers gebracht werden sollten, um durch ein Selbstmordattentat größtmöglichen Schaden anzurichten“, sagte Kossendey laut der Oldenburger „Nordwest-Zeitung“.
Das war ja dann gewissermaßen präventive Notwehr. Etwa so, als wenn man den Besitzer einer Pistole vorsichtshalber abknallt. Vielen Dank, Sir, für diese einleuchtende Erklärung! Bislang verharrte ich nämlich in dem Irrtum, dass eine vage Vermutung nicht zum Ergreifen drastischer Maßnahmen ausreicht.
Es gäbe keine Hinweise auf getötete Zivilisten, erklärte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Berlin.
Natürlich nicht! Man nähme einfach folgende glasklare Unterscheidung vor:
a) Zivilist
b) Aufständischer
c) Terrorist
und schon lösen sich alle möglichen Vorwürfe in Luft auf, indem jeder Zivilist zum "Aufständischen" umdeklariert wird, wie etwa:
Bei einem der Schwerverletzten handele es sich um einen zehnjährigen Jungen
Ganz klar: Hier wurde einem potenziellen Terroristen das Handwerk gelegt, denn:
„Wir gehen davon aus, dass fast alle gegnerische Kämpfer waren.“ [Anm.: Zitat eines Sprechers des Verteidigungsministeriums in Berlin.]
Na, dann ist ja alles in bester Ordnung! Schon in früheren Friedensmissionen, etwa der erfolgreichen Demokratisierung des Irak, beeindruckte mich, wie chirurgisch präzise die Soldaten bzw. die eingesetzte Munition zwischen den Guten und den Bösen unterscheiden konnte. Ich bin mir sicher, dass die bei diesem kleinen Zwischenfall eingesetzten Bomben mit Künstlicher Intelligenz ausgestattet waren, die automatisch Aufständische/Terroristen von Zivilisten unterscheiden konnten.
Hübsch übrigens auch der Einfall der "Bild", die Bombardierung in etwas anderem Licht darzustellen:
Afghanistan: Viele Tote und Verletzte bei Tanklaster-Explosion in Kunduz
So kann man es natürlich auch ausdrücken ... ob es einen Zusammenhang zwischen der "Explosion" und der Bombardierung gibt, erfahren wir hoffentlich in der nächsten Ausgabe.
Bezaubernd auch der Schlusssatz des Artikels:
Afghanistan ist ein Pulverfass – und unsere Soldaten sind mittendrin!
Die armen Jungs! Müssen tausende Kilometer von zu Hause aufständische Terroristen bombardieren lassen .. das zerrt bestimmt an den Nerven. Jedenfalls so lange, bis diese dämlichen Afghanen endlich eines begriffen haben:
„Das afghanische Volk muss wissen, dass wir alles zu seinem Schutz tun“, sagte [Nato-Generalsekretär] Rasmussen am Freitag in Brüssel.
Was, zum Rasmussen, ist nur los mit euch, Afghanen, dass ihr das einfach nicht kapieren wollt?
