Welche Tabus existieren in der heutigen Gesellschaft eigentlich noch? Nicht mehr viele. Noch 20 Jahren konnte man als Prominenter mit einem Outing für helle Aufregung sorgen. Heute hat Berlin einen schwulen Bürgermeister, Deutschland einen homosexuellen Außenminister und kein Hahn kräht mehr danach. Trotzdem: Es gibt sie noch, jene Tabuthemen, an denen man sich zumindest in Deutschland sofort die Finger verbrennt. Die Nazi-Zeit etwa gehört dazu, über die ausschließlich Linke diskutieren dürfen, ohne in Verdacht zu geraten, rechtsradikal zu sein wie beispielsweise Eva Herman, die skandalöserweise Worte wie "Autobahn" oder "Familien" benutzte.
Ein zeitnäheres Tabu stellt der so genannte Sozialstaat dar, dessen Aufgabe im Wesentlichen darin besteht, Leistungsträger für ihre unverschämte Anmaßung durch hohe Besteuerung zu bestrafen und jene, die tatsächlich oder vorgeblich arm sind dergestalt zu alimentieren, dass diese weder Anreiz, noch Möglichkeit erhalten, jemals wieder ein eigenständiges Leben zu führen.
Jede leise Kritik an diesem leistungsfeindlichen, jegliche Motivation und Innovation abwürgenden System ist zum Niederbrüllen verurteilt.
Nehmen wir nur die erneut entflammte Hartz-IV-Debatte her, ausgelöst durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Neuberechung der Hartz-IV-Sätze, nachdem eine Familie geklagt hatte, dass sie zu wenig Geld erhalte.
Bild stattete besagter Familie einen Besuch ab.
Der fundamentale Irrtum wird in folgendem schlichten Satz eingefangen:
Die Familie aus Dortmund muss von Hartz IV leben
Was nach einem grausamen Schicksalsschlag wie eine schwere Krankheit oder eine Naturkatastrophe klingt, ist in Wahrheit ein ungeheures Geschenk. Es müsste natürlich lauten: "... darf von Hartz IV leben."
Meine Leser mögen mit ihrer Empörung noch hinterm Berg halten, da ich diesen kleinen, aber feinen Unterschied gleich eingehender erklären werde. Zuvor möchte ich noch ein paar Anmerkungen machen:
Das einzige Neu-Gerät im Haushalt ist ein Flachbildschirm. Die Familie stottert ihn mit 20-Euro-Raten ab. [...] „Einen billigeren Fernseher haben wir nicht auf Raten bekommen“
Vielleicht bin ich ja wirklich kaltherzig. Aber dass ein Fernseher existenziell notwendig ist, war mir bislang jedenfalls nicht bewusst. Davon abgesehen: Hätte es nicht ein älteres Röhrengerät auch getan? Noch dazu fallen bei Ratenzahlungen Zinsen an, was den Fernseher natürlich zusätzlich verteuert und somit ein seltsam widersinniges Verhalten darstellt.
Familie [...] hat einen Hund, einen Nymphensittich, zwei Kaninchen. Den Hund und den Vogel schafften sie vor Hartz IV an, die Kaninchen bekam die Familie geschenkt
Macht in Summe vier (!) Haustiere. Einen Bildklick weiter heißt es:
Mutter [...] kauft beim Discounter: Im Angebot 500 Gramm Hack für 20 Cent
Ja, und? Was genau ist daran erwähnenswert? Die meisten Leute kaufen ihre Lebensmittel nicht im Feinkostladen, sondern bei "Spar", "Aldi" & Co. Interessanter wäre doch die Frage, wovon die Haustiere ernährt werden.
Ein Besuch im Spaßbad kostet 17 Euro – für 2 Stunden. Länger bleiben? Nicht drin.
Tobias hat eine Lernschwäche. Nachhilfe? Nicht drin. Der Sportverein für Tobias kostet monatlich 8,50 Euro. Dazu die Kosten für Fußballschuhe. Ohne Verein, fürchten die Eltern, würde Tobi Freunde verlieren. [...] Die Eltern plagen mittlerweile andere Sorgen: Ob ihr 16 Jahre alter Opel (für 400 Euro gebraucht gekauft) durch den TÜV kommt?
Um eine klarzustellen: Ich sympathisiere mit dieser Familie durchaus, vor allem mit den Kindern, und wünsche ihnen alles Gute.
Dennoch muss ich eines festhalten, das zum eigentlichen Kern dieses Artikel führt: Steuergeld ist kein vom Himmel gefallenes Geschenk, das lediglich gerecht verteilt werden muss - Steuergelder stellen Ressourcen dar, die anderen Menschen schlichtweg entzogen wurden. Das Anrecht auf Alimentierung durch den Staat besteht natürlich, ändert jedoch nichts an der Tatsache daran, dass jenes Geld vor allem Arbeitnehmern gestohlen wird, um es "gerecht" verteilen zu können.
Sprich: Um X den Ankauf von Tierfutter oder einem neuen Fernseher zu ermöglichen, werden Y höhere Steuern oder sonstige Abgaben verrechnet.
Denn: Der "Sozialstaat" stellt das Pedant zu einer Gleichung dar. Wenn die Zahlen auf der einen Seite größer werden, müssen jene auf der Gegenseite logischerweise folgen.
Doch auf diesen Umstand darf man vor allem in Mitteleuropa natürlich nicht hinweisen, ohne als kaltherziger Rechtspopulist zu gelten, der die armen Armen am liebsten auf der Straße erfrieren und verhungern sehen würde.
Lieber nehmen wir es in Kauf, wenn viele Arbeitnehmer in Verhältnissen leben, die denen von "Hartz 4"-Empfängern ähneln. Doch während die Putzfrau ums Eck oder der Regaleinräumer im Supermarkt kein "Anrecht" auf einen Flachbildfernseher, Haustiere und andere Annehmlichkeiten besitzt, werden diese willkürlich den "sozial Bedürftigen" zugesprochen.
Läuft da nicht irgendetwas völlig verkehrt? Meiner Ansicht nach: Ja! Und zwar so gut wie alles. Anstatt eine Masse von Abgezockten einerseits und Alimentierten andererseits bewusst heranzuzüchten, müsste der Staat all jene Leistungshürden ersatzlos streichen, die zu jener grotesken Situation, in der wir uns befinden, überhaupt erst führen.
Leistung muss belohnt werden, indem man sie nicht länger bestraft.
Menschen müssen zu Unternehmertum und Erfindungsgeist motiviert werden, indem man sie nicht länger durch eine völlig wahnsinnige Bürokratie zermürbt.
Ach, aber das ist natürlich alles rechtspopulistischer und menschenverachtender Mist! Schließlich hat sich das bisherige System doch so toll bewährt, oder? Und wenn dann der Staatsbankrott mit weiterer massiver Verarmung folgt, hat natürlich der böse und menschenverachtende Kapitalismus versagt. Alles klar ...