Ich bin kein Journalist. Ich habe - außer im Rahmen eines Praktikums kurz nach Ende der Steinzeit - nie Redaktionsluft geschnuppert. Vielleicht ist das auch gut so, denn lange Zeit saß ich dem Irrglauben auf, guter Journalismus solle möglichst neutral berichten und persönlich gefärbte Meinungen aus Artikeln heraushalten.

Naiv? Gewiss! Schließlich belehrt mich die Mainstreampresse tagtäglich eines Besseren. Ironischerweise werden die Neuen Medien - Blogs, freie Autorenportale, etc. - gerade deshalb geächtet, weil sie angeblich keinen seriösen Journalismus betrieben. Angesichts von Artikeln wie jenem im "Spiegel" über Geert Wilders gestrigen Auftritt in Berlin sind derlei Attitüden - "nur wir sind die seriösen, unabhängigen Journalisten!" - blanker Spott und Hohn. Betrachten wir doch in angemessener Distanz diesen "unvoreingenommenen" Bericht.

Man könnte einen Artikel über Geert Wilders etwa so übertiteln: "Holländischer Politiker hält Rede in Berlin". Das wäre neutral. Wahrscheinlich liest sich das zu unsexy, weshalb man sich für folgende Überschrift entschied: "Islamgegner in Berlin".
Zugegeben: Das klingt ungleich flotter. Etwa so, als würde man über Westerwelle schreiben: "Schwuler besucht Südamerika". Das wäre zwar auch korrekt, würde jedoch aus gutem Grunde auf Befremden stoßen.

Aber derlei Überlegungen muss man bei einem "Rechtspopulisten" gar nicht erst anstellen. Apropos: Immerhin dreimal wird Wilders mit dieser hohlen Phrase beschrieben. Eine inhaltliche Auseinandersetzung ist mit derlei Gestalten natürlich gar nicht mehr nötig. "Rechts" + "populistisch" = widerwärtig. Da erübrigt sich jegliche tiefere Analyse des Gesagten und es kann munter gespottet werden. Konsequenterweise lautet der erste Satz des Artikels folgendermaßen:

Der Mann mit der blonden Mähne [...]

Seine Haarfarbe sagt zwar überhaupt nichts über seinen Charakter oder seine Ansichten aus, scheint aber unwiderstehlich auf Journalisten zu wirken. Anders ist es nicht zu erklären, dass quasi kein Mainstreamartikel über Wilders ohne den Hinweis auf eben diese Haarfarbe auskommt. Andererseits ist es ärgerlich, dass er fließend mehrere Sprachen spricht, während so manch hiesiger Politiker größte Probleme beim Bändigen der eigenen Muttersprache zeigt, mit einer ausländischen Frau verheiratet ist, und beherrscht spricht, anstatt Parolen herumzubrüllen, während er mit dem Baseballschläger in seiner Hand nervös herumfuchtelt.
Sein ruhiges Auftreten hilft ihm aber auch nichts:

Wilders ist kein lautstarker Demagoge. Er spricht ruhig, sehr ruhig, fast kalt.

Nicht nur ruhig, nein, auch noch "kalt"! Worte wie kalter Schauder über den Rücken ... was sind das eigentlich für Gestalten, die solchen kalten Worten lauschen?

[...] bürgerliche Menschen [...]

Igitt! Das riecht nach konservativem Spießertum. Also rechts. Rechtspopulistisch. Apropos: Zeit für einen weiteren Rechtspopulisten:

Ein Grußwort eines Rechtspopulisten aus der Schweiz wird auf der Leinwand eingespielt

Um wen es sich handelte spielt keine Rolle. "Rechtspopulist" muss als Personenbeschreibung genügen ... Als wäre der rechten Recken nicht genug, folgt noch ein Rechter:

[...] dann tritt Elizier Cohn ans Pult, langjähriges rechtsnationales Mitglied der israelischen Knesset.

Der Mann heißt zwar Eliezer Cohen, aber auch das ist von keinerlei Belang. Wichtig ist zu wissen, dass er "rechtsnational" ist, also ein ganz schlimmer Finger.
Und so sehr sich die Rechtspopulisten auch bemühen: Unsere unabhängigen Medien können die nicht äutschen!

Man will partout nicht in die ganz rechte Ecke gerückt werden.

Müssen die auch nicht, weil wir das für sie besorgen, ätsch! Doch zurück zur Attraktion des Abends, die wir gleich auf spektakuläre Weise bloßstellen werden:

Es ist die klassische Rhetorik des Populisten, die Wilders beherrscht. Da das Establishment in Politik, Kirchen, Justiz und Medien. Hier der Mann, der angeblich die Wahrheit des Volkes ausspricht.

Weil: Wer nicht für uns, ist gegen uns. Und da das Establishment die Wahrheit gepachtet hat, kann so jemand einfach nicht recht haben.

"Das gesamte politische Establishment setzt unsere schwer errungene Freiheit aufs Spiel", ist ein typischer Wilders-Satz an diesem Nachmittag.

Vielleicht deshalb "typisch", weil er schlichtweg wahr ist, wie die Entwicklung der letzten Jahre unmissverständlich aufzeigt.

Aber was wäre ein Artikel über einen Käfig voller rechtspopulistischer Narren ohne Nazi-Bezug?

In Berlin, der einstigen NS-Machtzentrale, ist er auch der Mann, der den Deutschen Absolution erteilt. "Was immer in der Vergangenheit in ihrem Land geschah, die heutige Generation ist dafür nicht verantwortlich."

Und was ist daran nun falsch? Abgesehen davon, dass nur ein Geistlicher Absolution erteilen kann?
Die Antwort: Falsch daran ist, das Dogma der ewigen Schuld der Deutschen und Österreicher anzugreifen. Da könnte ja - bewahre! - die schöne Nazi-Keule obsolet werden. Und Politiker aus hiesigen Staaten müssten nicht mehr bei jedem Gedenktag oder jedem Staatsbesuch in Israel, Polen oder Russland ganz arg betroffen dreingucken und die ewig gleichen salbeienden Reden herauskotzen.

Was übrigens auch für den Umgang mit Leuten der Marke Wilders oder Sarrazin gilt. Durch gebetmühlenartige Verteufelung ihrer Standpunkte und Ansichten verschafft man ihnen erst den gewaltigen Zulauf und die Zustimmung, die sie erhalten. Wichtig wäre aber eine seriöse, inhaltliche Auseinandersetzung mit ihnen, was nicht geschieht.
Wozu auch? Nazi-Keule drauf und gut ist ...